Der moderne Wohlfahrtsstaat erfüllt verschiedene Funktionen in entwickelten Demokratien. Er sichert Risiken ab, ermöglicht langfristige Planungen für Bürger:innen und verteilt Einkommen und Vermögen um. Trotz dieser wichtigen Funktionen befindet sich der Wohlfahrtsstaat in einer Polykrise: Steigende Kosten aufgrund demografischer Herausforderungen, eine alternde und gleichzeitig abnehmende Beitragszahlerbasis sowie finanzielle Unsicherheiten aufgrund globaler Krisen. Diese Analyse befeuert in vielen Demokratien Debatten um die Reform des Wohlfahrtsstaats. Gleichzeitig ist der Wohlfahrtsstaat jedoch enorm populär bei der Wählerschaft, wenn auch mit großen Unterschieden bezüglich seiner einzelnen Elemente. Dieser Widerspruch zwischen politischer Debatte und öffentlicher Meinung führt zu der zentralen Frage, warum Menschen den Wohlfahrtsstaat unterstützen oder ablehnen – dies stellt gleichzeitig die Leitfrage für diesen Kurs dar.
Zur Beantwortung dieser und verwandter Fragen verbindet das Seminar eine empirisch-theoretische Komponente, in der sowohl die Grundlagen des Wohlfahrtsstaates als auch gängige Ansätze zur Erklärung seiner Unterstützung diskutiert werden, mit einer statistisch-analytischen Komponente. In dieser zweiten Komponente führen Sie mithilfe der verbreiteten Statistiksoftware R eigene statistische Analysen zu den Fragen des Seminars mit Individualdaten durch. Vorkenntnisse in R sind nicht zwingend notwendig, um teilzunehmen; es wird jedoch empfohlen, bereits die Projektarbeit im Tutorium der Vorlesung „Statistik für Politolog:innen“ angefertigt zu haben. Zwingend notwendig für die Teilnahme ist hingegen ein generelles Interesse an statistischen Verfahren und ihrer Umsetzung sowie entsprechende Statistik-Grundkenntnisse (Verständnis von Korrelation und Regressionsanalyse).
Diese anspruchsvolle Veranstaltung verlangt eine aktive Teilnahme, die einer gründlichen Sitzungsvorbereitung und -nachbereitung bedarf. Pro Sitzung sind etwa 40 bis 50 Seiten auf Englisch oder Deutsch zu lesen (insgesamt etwa 400 Seiten). Das Lektürematerial wird den Studierenden online zur Verfügung gestellt. Studierende müssen in Abhängigkeit der gewählten Modulprüfung (Aufbau- vs. Wahlpflichtmodul) einen wissenschaftlichen Podcast erstellen, anderen Feedback geben und/oder eine empirische Hausarbeit verfassen. Die Gesamtarbeitsbelastung richtet sich nach den ECTS-Punkten laut Modulhandbuch. Ein weiterer Teil der Leistungspunkte wird durch die Übung des Erlernten in der Interaktionszeit der Veranstaltung erbracht. Wenn Studierende bei einer Sitzung fehlen, müssen zeitnah äquivalente Ersatzleistungen in Rücksprache mit der Seminarleitung erbracht werden.
Sie benötigen ein Gerät, an dem Sie vor Ort R und RStudio nutzen können. Sollten Sie nicht über ein solches Gerät verfügen und dennoch teilnehmen wollen, kontaktieren Sie mich bitte unter paul.gies@uni-due.de, damit wir ggf. ein Ausleihgerät über den AStA beschaffen können.
Dieses Seminar richtet sich an BA-Studierende der Studiengänge Politikwissenschaft sowie Philosophie, Politik und Gesellschaft (Sozioökonomie) und wird am Campus Duisburg angeboten.
Themen
Der Wohlfahrtsstaat als Untersuchungsgegenstand
- Welche Funktionen erfüllt der Wohlfahrtsstaat in modernen Gesellschaften?
- Wie sind nationale Wohlfahrtsstaaten konstituiert und welche Unterschiede gibt es im Vergleich?
- Welche Formen von wohlfahrtsstaatlichen Policies gibt es und welche Effekte haben diese?
- Welche Folgen hat Ungleichheit für Gesellschaften in Demokratien und für das politische System?
Einstellungen zum Wohlfahrtsstaat
- Warum unterstützen Menschen den Wohlfahrtsstaat?
- Welche Rolle spielt Eigeninteresse?
- Welche Rolle spielt Migration und wer „verdient“ staatliche Leistungen?
- Welche Rolle spielen Altruismus und Egalitarismus?
- Leben wir in einer meritokratischen Gesellschaft und welche Rolle spielt das für den Wohlfahrtsstaat?
- Wie beeinflussen soziales und politisches Vertrauen die Unterstützung des Wohlfahrtsstaates?
- Wie unterscheiden sich Einstellungen zwischen verschiedenen Wohlfahrtsstaaten?
Methodische Inhalte
- Auffrischung der Grundlagen von R (Datensätze einlesen, filtern und transformieren)
- Deskriptive Statistiken sowie deren Interpretation und Präsentation
- Visualisierung deskriptiver Statistiken
- Anwendung, Interpretation und Aufbereitung der linearen Regressionsanalyse
- Modelldiagnostik und Modellverbesserung
- Vergleichende Analyse von Länderdaten (Analysen von Teildatensätzen und gemeinsame Analysen)
Das Team Empirische Politikwissenschaft ist bestrebt, eine inklusive und vielfältige Gemeinschaft zu fördern, in der jede einzelne Person unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, Religion, Alter oder Behinderung ihr volles Potenzial in der methodisch orientierten empirischen Politikwissenschaft entfalten kann.
Unser Ziel ist daher die Förderung eines respektvollen und unterstützenden Umfelds, in dem unterschiedliche Perspektiven wertgeschätzt werden, um so wiederum Ihr volles Potenzial zu fördern. |