Gruppe 1: Prof. Dr. Lily Tonger-Erk: Jammer! Schrecken! Mitleid! Wirkungsästhetik im Drama des 18. und 19. Jh.s
Warum berühren uns Dramen? Welche Wirkungen sollen sie historisch entfalten – und wie wird insbesondere Mitleid ästhetisch erzeugt? Diesen Fragen geht das Seminar anhand von Gotthold Ephraim Lessings Emilia Galotti (1772), Friedrich Schillers Die Räuber (1781) und Georg Büchners Woyzeck (1836/37) nach. Im Zentrum steht die Analyse, wie Dramen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts gezielt Affekte mobilisieren und auf spezifische moralische Wirkungen ausgerichtet sind. Das Seminar vermittelt grundlegende Techniken der Dramenanalyse und bietet zugleich einen Überblick über zentrale Entwicklungslinien von der Aufklärung über den Sturm und Drang bis zum Vormärz. Ergänzend erfolgt eine Einführung in propädeutische Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens.
Gruppe 2: WMA Prof. Tonger-Erk: Literatur als soziale Diagnose: Naturalismus und Gesellschaft um 1900
Der Naturalismus (ca. 1880–1900) versteht Literatur als ein Instrument präziser gesellschaftlicher Beobachtung und Analyse. Vor dem Hintergrund tiefgreifender Umbrüche – Industrialisierung, Urbanisierung, sozialer Ungleichheit und politischer Spannungen – zielt die naturalistische Literatur darauf, soziale Wirklichkeit möglichst genau und schonungslos darzustellen. In Anlehnung an naturwissenschaftliche Methoden begreifen naturalistische Autor*innen den literarischen Text als eine Form der ‚sozialen Diagnose‘, die die Bedingungen menschlichen Handelns sichtbar macht. Themen wie soziale Determination, Milieuabhängigkeit, Klassenkonflikte sowie Geschlechterverhältnisse stehen dabei im Zentrum. Gleichzeitig markiert der Naturalismus einen wichtigen Übergang zur literarischen Moderne, indem er traditionelle Darstellungsformen infrage stellt und neue Perspektiven auf Subjektivität und Gesellschaft eröffnet.
Im Seminar werden zentrale Werke des Naturalismus und seines erweiterten Kontexts behandelt. Im Mittelpunkt stehen Texte von Gerhart Hauptmann, darunter Bahnwärter Thiel, Vor Sonnenaufgang und Die Weber, die exemplarisch soziale Konflikte, Milieubedingtheit und kollektive Erfahrungen literarisch gestalten. Mit den Dramen Nora und Ein Volksfeind von Henrik Ibsen wird zudem eine internationale Perspektive einbezogen, die insbesondere Fragen individueller Freiheit, gesellschaftlicher Normen und bürgerlicher Ordnung verhandelt. Ergänzend dazu richtet das Seminar den Blick auf Lou Andreas-Salomés Erzählung Fenitschka, in der Fragen nach weiblicher Subjektivität und gesellschaftlichen Rollen kritisch reflektiert und damit wichtige Problemstellungen der Zeit aus einer gendersensiblen Perspektive beleuchtet werden.
Ziel des Seminars ist es, die Literatur des Naturalismus als eine Form gesellschaftlicher Selbstbeobachtung zu verstehen und ihre ästhetischen Verfahren sowie ihre kulturhistorische Bedeutung zu erarbeiten. Neben der inhaltlichen Analyse werden zentrale Methoden der Erzähltext- und Dramenanalyse vermittelt und eingeübt. Begleitend erfolgt eine Einführung in propädeutische Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens.
Eine Literaturliste sowie weitere organisatorische Hinweise werden in der ersten Sitzung bekannt gegeben.
Gruppe 3: PD Dr. Florian Trabert: Fantastische Erzählungen 1810, 1910, 2010: E.T.A. Hoffmann, Franz Kafka und Clemens J. Setz
Achtung: Beginn des Seminars am 04.05.2026
Literaturgeschichtlich lässt sich das Aufkommen fantastischer Erzählungen mit der Erosion theologisch-metaphysischer Weltbilder seit dem 18. Jahrhundert im Zuge der Aufklärung in Verbindung bringen: An die Stelle des Wunderbaren, in dem sich Gottes Wirken manifestiert, treten die Kategorien des Fantastischen und Unheimlichen, von denen nicht ganz klar ist, ob sie auf magische Kräfte oder menschliche Wahnvorstellungen zurückzuführen sind.
Im Seminar soll die Geschichte fantastischer Erzählungen mit Texten von E.T.A. Hoffmann, Franz Kafka und Clemens J. Setz anhand von drei Stationen betrachtet werden, die jeweils exemplarisch für das frühe 19., 20. und 21. Jahrhundert stehen, aber zugleich durch vielfältige intertextuelle Bezüge miteinander verbunden sind. Die Erzählungen Hoffmanns waren stilprägend für das Genre und verhandeln mit der Künstlerproblematik und der Subjektivität von Wahrnehmungen Fragen, die für die Romantik von zentraler Bedeutung waren. Kafkas Erzählungen folgen einer Traumlogik, deren suggestive Bildwelten sich als Dechiffrierungen unbewusster Triebkräfte der menschlichen Psyche deuten lassen. Setzʼ Erzählungen schließlich transponieren Genremerkmale in die Erfahrungswelt der Gegenwart, indem sie moderne Phänomene wie Computerspiele oder Social Media einbeziehen.
Literaturhinweise
Hans Richard Brittnacher (Hg.): Phantastik. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2013.
Tzvetan Todorov: Einführung in die fantastische Literatur, ###
Uwe Durst: Theorie der phantastischen Literatur, ###
Gruppe 4: PD Dr. Stefan Hermes: Wilhelm Raabe: Novellen
In diesem Seminar wollen wir uns zunächst anhand theoretischer Aufsätze über einige Begriffe und Konzepte verständigen, die für die literaturwissenschaftliche Textanalyse und -interpretation von elementarer Bedeutung sind. Anschließend wird es darum gehen, bereits vorhandene narratologische Kenntnisse zu verfestigen und zu erweitern, indem wir uns intensiv mit drei frühen Novellen Wilhelm Raabes – Holunderblüte (1863), Die Hämelschen Kinder (1863) und Else von der Tanne (1865) – auseinandersetzen. Allerdings werden wir es nicht bei close readings belassen, sondern uns auch um eine Verortung der benannten Texte innerhalb der Epoche des Bürgerlichen Realismus bemühen. Dabei dürfte sich zeigen, dass viele der Themen, die Raabe im Medium der Literatur verhandelt, auch heute noch erhebliche Relevanz besitzen: Dies betrifft Erfahrungen kultureller und religiöser Differenz ebenso wie ökonomische Ungleichheiten und Gender-Konflikte. Gegen Ende des Semesters soll dann das Verfassen einer Hausarbeit unter anderem dadurch vorbereitet werden, dass wir uns (kritisch) mit wichtigen Forschungsbeiträgen zu Raabes Werken beschäftigen.
Gruppe 5: Dr. Liane Schüller: Siegfried Lenz: Ausgewählte Werke
Der Schriftsteller Siegfried Lenz, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, hat zahlreiche literarische Texte (beinahe) aller Gattungen verfasst, von Erzählungen und Novellen über Romane, Hörspiele und (literarische) Essays. Häufig steht in seinem Werk die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Missständen im Vordergrund, unter anderem auch bezogen auf die Zeit des Nationalsozialismus. Im Seminar werden wir uns neben seinem wohl bekanntesten Werk Die Deutschstunde aus dem Jahr 1968 mit Texten der ‚Kleinen Form‘ beschäftigen und ausgewählte Erzählungen und Novellen in den Blick nehmen, um sie vor ihrem jeweiligen literhistorischen Hintergrund zu analysieren.
Da der Roman Die Deutschstunde recht umfangreich ist, wäre es empfehlenswert, mit der Lektüre schon vor Beginn des Seminars zumindest gestartet zu haben. Hinweise zu allen weiteren Texten, die im Seminar besprochen werden, gibt es in der 1. Seminarsitzung.
Gruppe 6: PD Dr. Simone Loleit: Johannes Hadlaub
Das lyrische Schaffen des Zürcher Dichters Johannes Hadlaub (um 1300) fällt in die Spätphase des Minnesangs, d. h. der mittelalterlichen höfischen Liebeslyrik. Charakteristisch für Hadlaubs Minnelieder ist das variantenreiche und innovative Spiel mit Gattungskonventionen, Form- und Motivrepertoire des Minnesangs. Sein Œuvre nimmt eine Sonderstellung im Codex Manesse ein, einer bedeutenden Lyriksammelhandschrift, die um 1300 im Umkreis des Zürcher Stadtadligen Rüdiger Manesse entstand. Ergänzend zur Beschäftigung mit den Liedern Hadlaubs (vor dem Hintergrund der Minnesangtradition und im Überlieferungskontext des Codex Manesse) soll die neuzeitliche Hadlaub-Rezeption am Beispiel von Gottfried Kellers Novelle Hadlaub (1876/1877) diskutiert werden. Das Seminar führt in Grundlagen des philologischen Arbeitens ein, mit besonderen Schwerpunkten in den Bereichen Lyrikanalyse, Narratologie und Rezeptions-/Adaptionsforschung.
Literaturempfehlung zur Vorbereitung: Max Schiendorfer: Steinmar und Hadlaub. In: Handbuch Minnesang. Hgg. Beate Kellner u. a. Berlin/Boston 2022, S. 746-760, bes. S. 751-757
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