|
In Auseinandersetzung mit „herkömmlichen“ Gerechtigkeitstheorien sind in der Politischen Philosophie seit einiger Zeit vermehrt Ansätze aufgekommen, die umgekehrt als gewohnt vorgehen, indem sie ihren Ausgang bei Ungerechtigkeiten nehmen. Ersteren, die den Fokus auf die gerechte Verteilung und Sicherung von Gütern und Rechten legen, wird dabei vorgeworfen, zentrale normative Probleme moderner Gesellschaften zu verfehlen, die nicht – so die These – (ausschließlich) auf eine ungerechte Verteilung von Gütern oder Rechten zurückgehen. Es sei notwendig, bei den Weisen, in denen Menschen in Gesellschaften Ungerechtigkeiten ausgesetzt sind, welche womöglich auch die Verteilung verursachen, anzusetzen – um von dort aus zu den Erfordernissen einer gerechten Ordnung zu gelangen.
Hier werden Phänomene der Macht, Ungleichheit oder Unterdrückung in den Mittelpunkt gerückt. Das Konzept der Beherrschung (domination) in diesen Kontexten bringt zum Ausdruck, dass eine Gruppe in relevanten Hinsichten über das Handeln einer anderen Gruppe bestimmt. Was unterdessen viele dieser Ansätze auszeichnet, ist, dass sie immer häufiger die strukturelle Dimension dieser Phänomene betonen (man spricht z.B. von struktureller Beherrschung), womit problematisiert wird, dass sich die Phänomene erst im Zusammenspiel vieler Einzelhandlungen ergeben, dass sie auf einem Gerüst gesellschaftlicher Normen aufbauen, denen ein Eigenwert gegenüber den Handelnden zukommt; dass systematische Bias im Rücken der bewussten Absichten Benachteiligungen erzeugen etc. Insofern Strukturen als etwas „im Hintergrund“ erscheinen, gelten besonders jene Beherrschungsformen als interessant, die in Gesellschaften, in denen formale Gleichheit und Nicht-Beherrschung besteht, fortdauern (z.B. Formen von Ausbeutung, Rassismus, Sexismus). – Die Kombination von Beherrschung, die eine fassbare Machtasymmetrie nahelegt (A beherrscht B), und Struktur, die die Bedeutung von Handlungsmacht scheinbar relativiert, ist dabei theoretisch von besonderem Interesse.
In diesem Seminar wollen wir uns einige dieser Ansätze ansehen und untersuchen, was als das Wesentliche der besprochenen strukturellen Phänomene angesehen wird, was jeweils das Strukturelle daran ausmacht und worin das Verhältnis von Struktur und Ungerechtigkeit bzw. Beherrschung besteht. Uns werden dabei epistemologische, handlungstheoretische, normative wie sozialontologische Fragen und Probleme begegnen, die Gelegenheit geben, die verschiedenen Facetten dieses Theoriefelds zu adressieren.
|