| Kommentar |
Eine bekannte Fabel erzählt von einem Hahn, der auf Nahrungssuche ist, dabei in einem Misthaufen einen Edelstein findet und diesem auseinandersetzt, warum er nichts mit ihm anfangen könne. Diese Fabel wird häufig poetologisch gedeutet: Der Edelstein steht für die Fabel, der Hahn steht für diejenigen, die nicht in der Lage sind den eigentlichen Wert der Fabel zu erkennen. Worin besteht dieser Wert? Fabeln sind nicht nur unterhaltsame Geschichten, sondern transportieren eine moralische Lehre bzw. einen lebenspraktischen Rat. Diese Botschaft wird aber eben nicht abstrakt, sondern anschaulich in Form einer kurzen, pointierten Erzählung vermittelt, wobei in den meisten Fällen sprechende und handelnde Tiere als Akteure auftreten. Die Fabel gehört zu den ältesten Literaturgattungen und ist weltweit verbreitet. In der deutschsprachigen Literatur gibt es vom Mittelalter bis ins 16. Jh. und in der Epoche der Aufklärung besonders produktive Phasen der Fabeldichtung sowie, besonders ausgeprägt im 18. Jh., der Fabeltheorie. Bereits seit dem Mittelalter wird neben der Rezeption der antiken (äsopischen) Fabelcorpora auch an die orientalische Fabeltradition angeknüpft und Eigenentwicklungen angestoßen. Für die Vorlesung sind folgende Schwerpunktthemen geplant: Gattungsmerkmale und Gattungsdistinktion; Traditions-/Rezeptionslinien und Neuanfänge; überlieferungsgeschichtliche Zusammenhänge und komparatistischer Vergleich; Theorie und (implizite) Poetologie der Fabel; intermediale Aspekte der Fabelrezeption; Tiere als Akteure der Fabel unter interdisziplinären (auch zoologisch-naturgeschichtlichen) Perspektiven; Anthropomorphismus/Anthropozentrismus; Theriotopologie (Tier-Raum-Forschung). |