Noch das (Spät-)Neuhochdeusche weist vier Kasus auf, ältere Sprachstufen sogar noch Reste eines fünften. Mehr als andere flexivische Merkmale ist beim Kasus die Bedeutung (im Sinne von Semantik und Pragmatik) nicht so eindeutig. Daher haben Kasus die Linguistik schon lange beschäftigt.
Gerade beim Genitiv sind starke Wandlungen der Verwendung zu bemerken: Als Objekt, insbesondere aber als Subjekt kommt er zwar im Mhd. noch vor, heutzutage aber nicht mehr.
- mhd. er aʒ daz brôt und tranc dâ zuo eines waʒʒers daʒ er vant.
‚Er aß das Brot und trank dazu von einem Wasser, das er fand / gefunden hatte.‘
- mhd. do reis im ûʒ einer swalwen nest des mistes in die ougen.
‚Da fiel ihm aus dem Nest einer Schwalbe ⟨etwas⟩ Kot in die Augen.‘
Heutzutage nehmen Verwendungen aller Kasus in bestimmten Domänen zu (z.B. Verlust von Genitiv-Objekten und subjekt-, d.h. nominativlosen Konstruktionen: Ich gedenke meinen Eltern statt: meiner Eltern. Ich friere. statt Mich friert.), in anderen ab, aber derartige Entwicklungen sind nicht neu.
Wir beschäftigen uns mit den Kasus im Deutschen, insbesondere den älteren Sprachstufen. Dabei betrachten wir die Entwicklungen, beziehen aber auch theoretische Ansätze mit ein, die den Kasus eine eigene (‚Tiefen-‘)Bedeutung zuschreiben oder Kasus sprachübergreifend modellieren (z.B. Fillmores Kasusgrammatik, einige Zweige der Dependenzgrammatik). Wir überlegen auch, wie man diese Verhältnisse empirisch untersuchen kann.
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