Die Erfindung des Mittelalters im deutschen Nationalismus (Prof. Dr. Gaby Herchert)
In der Umbruchssituation nach der Französischen Revolution erstarkt in Deutschland der Wunsch nach einem geeinten Nationalstaat. Ein Vorbild sieht man im Stauferreich um 1200, mit dem das Kaiserreich seine größte Ausdehnung hatte. Als der Nationalismus im Laufe des 19. Jahrhunderts zur Massenbewegung wird, geht er einher mit einer retrospektiven Utopie, die das Mittelalter zur goldenen Zeit verklärt, in der Mensch und Natur eine Einheit bildeten, die Lebensweise von Einfachheit, Unverdorbenheit und Sittlichkeit geprägt war und die kulturelle Schaffenskraft des Volkes einen Höhepunkt erreicht hatte. Ungeachtet aller Widersprüche zu archäologischen Befunden und historischen Fakten wird ein idealisiertes und romantisiertes Mittelalterbild erfunden, das als Vorbild fungieren soll, damit sich das deutsche Volkswesen erneuere. Der mittelhochdeutschen Literatur kommt eine besondere Bedeutung zu, weil das höfische Leben und die Kampfeskraft und Tugenden der Ritter nicht als literarische Fiktion, sondern als Beschreibungen realer Gegebenheiten gedeutet werden.
Thema des Seminars sind die Entwicklung des Mittelalterbildes und die Auseinandersetzungen mit der höfischen Literatur im 19. Jahrhundert und die Funktionalisierung des Mittelalters im nationalistischen Kontext.
Das Seminar findet 14-tägig online an folgenden Terminen (s. Rubrik Termine und Räume), jeweils von 10-14 Uhr, statt.
Das Seminar endet mit einer Tagung im Grafschafter Museum Moers, bei der studentische Vorträge willkommen sind. Der Termin der Tagung wird zeitnah mitgeteilt.
|