| Kommentar |
»Diskutieren Sie über ein kontroverses Thema mit geschlossenen Augen.« Diese auf den ersten Blick möglicherweise ungewöhnliche Handlungsanweisung hat eine Lehramtsstu-dentin in einem kunstdidaktischen Seminar für ihre Kommiliton:innen entwickelt. Aus-gangspunkt waren sogenannte ›Scores‹. Scores sind kurze Anweisungen, die ursprünglich aus der Performancekunst der 1960er kommen und seit 2017 im Rahmen der documenta 14 und aktuell auch in der Kunstpädagogik als Professionalisierungstool in der Lehrer:innenbildung eine Aktualisierung erfahren. Sie sind kurz, stören Wahrnehmungsroutinen und machen auf die eigenen, oftmals unhinterfragten Erwartungshaltungen in pädagogischen Situationen und Verhältnissen aufmerksam. Sie irritieren den eigenen Blick und regen dadurch zu anderen pädagogischen Formen des Austauschs und Fragens an.
Im oben erwähnten Fall diskutierten die Studierenden mit geschlossenen Augen über die medialen Infrastrukturen, in denen sie sich im Alltag und im Studium bewegen. Es entwi-ckelte sich ein tastendes und vorsichtiges Sprechen. Es musste aufmerksam hin- und zu-gehört werden, um miteinander ins Gespräch zu kommen und zu bleiben. Ohne den Seh-sinn und die unterstützende Interpretation von Gesten entwickelte sich ein anderes Spre-chen, bei dem auch wortwörtliche Zwischentöne, die sonst oft überhört werden, plötzlich bedeutsam wurden.
Die Beschreibung der kurzen Begebenheit aus einem Seminar steht hier stellvertretend für eine kritische Kunstpädagogik, die pädagogische Praxis als Raum für die Verhandlung gesellschaftlicher Herausforderungen und Fragen begreift. Denn mit geschlossenen Augen über ein kontroverses Thema zu diskutieren, hat einerseits ästhetische Dimensionen, die unter anderem mit Akustik, Körperlichkeit, Raumwahrnehmung usw. zu tun haben. Es hat zugleich aber – und da weist das Geschehen über den engeren fachspezifischen Kontext hinaus – auch eine politische, soziale Dimension: Der Auftrag, in einer kontroversen Diskussion die Augen zu schließen, führt temporär zu einer ungewohnten Gemeinschaft und Gruppendynamik und derart auch zu einer anderen Diskurspraxis.
Im Workshop werden wir Scores sowohl theoretisch als auch praktisch erkunden. Ziel ist es, eine eigene Vermittlungsidee zu entwickeln, in der Scores bzw. die durch Scores ausgelösten Irritationsmomente eine bildende Bedeutung zukommen. |
| Literatur |
Grothe, N. u.a.: Fluxus - Kunst für alle! [Ausstellung Fluxus - Kunst für Alle! Museum am Ostwall, Dortmund, 25.08.2012 - 06.01.2013]. 2. Die Sammlung Braun - Lieff. Kehrer, 2013.
Grothe, N. u.a.: Fluxus - Kunst für alle! [Ausstellung Fluxus - Kunst für Alle! Museum am Ostwall, Dortmund, 25.08.2012 - 06.01.2013]. 1. Die Sammlung Feelisch. Kehrer, 2013.
Klar, A. u.a.: Fluxus at 50 [anlässlich der Ausstellung Fluxus at 50, Museum Wiesbaden, 2. Juni bis 23. September 2012]. Kerber, 2012.
Schürch, A.: Die score-story. Ein forschungsdidaktischer Projektsbericht,Teilpublikation in: Gruber, A./ Schürch, A./Willenbacher, S./Moersch, C./ Sack, M. (Hg.) (2020): Kalkül und Kontingenz. Kunstbasierte Untersuchungen im Kunst- und Theaterunterricht, kopaed Verlag: München. Kalkül und Kontingenz. S. 63-96.
Knowles, A.: Fluxus Event Scores. Siehe: https.//vimeo.com/36770983 (12.12.2025)
https://activatingfluxus.com/; https://sfkp.ch; https://thearteducatorstalk.net; https://zkmb.de/ |
| Bemerkung |
Eine Bereitschaft, sich auf experimentelle Situationen einzulassen, wird vorausgesetzt.
Am Mittwoch, 27.05., findet von 12-16 Uhr eine Exkursion in das Kunstmuseum Bochum statt. |