| Kommentar |
Wohlfahrtsstaaten bilden ein zentrales Forschungsfeld der Vergleichenden Politischen Ökonomie aus drei zentralen Gründen: wegen ihres erheblichen fiskalischen Gewichts (in vielen europäischen Ländern entfallen inzwischen 45–60 Prozent der Staatsausgaben auf Sozialpolitik), ihrer direkten Bedeutung für materielle Absicherung und individuelle Lebenschancen sowie ihrer ausgeprägten politischen Formbarkeit. Obwohl Staaten mit vergleichbaren Problemlagen konfrontiert sind, fallen ihre Reformreaktionen höchst unterschiedlich aus. Wohlfahrtsstaatliche Entwicklung ist daher nicht strukturell determiniert, sondern das Resultat konkreter politischer Aushandlungsprozesse, Machtverhältnisse und ideeller Leitbilder, die sich im Ländervergleich deutlich unterscheiden können. Wohlfahrtsstaaten variieren entlang zentraler Dimensionen: Auf welche Risiken konzentriert sich soziale Sicherung? Wie großzügig sind Leistungen ausgestaltet, wie inklusiv sind Zugangsvoraussetzungen? Welche gesellschaftlichen Gruppen werden privilegiert, welche ausgeschlossen? Diese institutionellen Arrangements haben weitreichende Folgen für Lebenschancen, Arbeitsmarktintegration, Familienmuster, Geschlechterverhältnisse, den Umgang mit existenziellen Risiken sowie soziale Aufwärtsmobilität. Das Seminar untersucht, wie sich Wohlfahrtsstaaten unter anhaltendem Reformdruck verändern. Zwar wurde ihr Niedergang seit Jahrzehnten prognostiziert, doch ist er ausgeblieben. Die Krisenerfahrungen der letzten 25 Jahre – von Finanzkrise über Pandemie bis zur gegenwärtigen „Polykrise" aus Klimawandel, geopolitischen Konflikten, Inflation und Digitalisierung/KI – werfen jedoch neue Fragen auf: Erleben wir sozialpolitischen Rückbau, selektive Expansion oder grundlegende Neujustierung? Beobachten wir eine Konvergenz oder Persistenz wohlfahrtsstaatlicher Regime? Sind sie in der Lage neue soziale Risiken abzudecken? Sind Reformkonflikte noch primär Klassenkonflikte – oder verschieben sie sich entlang kultureller und moralischer Trennlinien? Analytisch verbindet das Seminar Ansätze der Vergleichenden Politischen Ökonomie und der Politischen Soziologie. Thematisch werden zentrale Politikfelder – von Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik bis zu Mindestsicherung, Familie, Gesundheit und Wohnen – im internationalen Vergleich untersucht, ebenso wie neue Herausforderungen durch Finanzialisierung, demografischen Wandel, Klimatransformation und Automatisierung. Methodisch legt das Seminar einen Schwerpunkt auf (vergleichende) Fallstudien und Process Tracing, um Reformdynamiken nicht nur deskriptiv zu erfassen, sondern die Prozesse, Akteurskonstellationen und Diskurse zu rekonstruieren, die zu politischen (Nicht-)Entscheidungen führten. Die behandelten Themen umfassen unter anderem:
- Zentrale Reformdebatten der Gegenwart und ihre politischen Konfliktlinien
- Typologien und Theorien der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung sowie deren Kritik
- Klasse, Ungleichheit und die These der „demobilisierten Klassengesellschaft“
- Deservingness und moralische Grundlagen sozialstaatlicher Legitimation
- Rechts-populistische Parteien und Wohlfahrtschauvinismus
- Verschiedene Felder der Sozialpolitik (z. B. Arbeitslosenversicherung, Rente, Familien-, Gesundheits- und Wohnungspolitik)
- Wandlungsdruck auf gegenwärtige Wohlfahrtsstaaten (Globalisierung, Finanzialisierung, De-Industrialisierung, demografischer Wandel, Klimawandel, Digitalisierung und KI)
- Politische Aushandlungsprozesse und Reformstrategien
- Methodische Grundlagen qualitativer Fallstudien und Process Tracing
- Einstellungen der Bevölkerung zu Umverteilung, Solidarität und sozialstaatlicher Verantwortung
Das Seminar befähigt die Teilnehmenden, Wohlfahrtsstaatsreformen als politisch umkämpfte Prozesse im Spannungsfeld von Ideen, Interessen, Institutionen und strukturellen Zwängen zu analysieren – und die Zukunft sozialer Sicherung unter Bedingungen multipler Krisen kritisch und theoriegeleitet zu beurteilen. |
| Literatur |
Als vorbereitende Lektüre empfiehlt sich insbesondere:
Ebbinghaus, B., & Nelson, M. (2025). Handbook on Welfare State Reform (M. Nelson & B. Ebbinghaus, Eds.; 1st ed.). Edward Elgar Publishing. https://doi.org/10.4337/9781839108808
Nullmeier, F. (2021). Kausale Mechanismen und Process Tracing : Perspektiven der qualitativen Politikforschung. Campus Frankfurt / New York. http://www.content-select.com/index.php?id=bib_view&ean=9783593444000
Obinger, H., & Schmidt, M. G. (2019). Handbuch Sozialpolitik. Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-22803-3 |