| Kommentar |
In der Moderne bleiben Individuen nur im Ausnahmefall, was sie ohnehin schon sind. Sie rücken nicht einfach in die Lücken ein, die ihre Eltern beim Ausscheiden aus gesellschaftlichen Zusammenhängen hinterlassen, sondern müssen – und dürfen – ihre Biographie reflexiv gestalten und kompensieren dabei das Fehlen direkter Handlungszwänge durch Nachahmung, Karriere, Anschluss an bestimmte Milieus oder ‚Persönlichkeit‘. Dabei sind Individuen in vielfältige Kommunikationszusammenhänge eingebunden, in denen Zugehörigkeiten hergestellt, bestätigt oder infrage gestellt werden. Identität entsteht nicht im Inneren des Subjekts, sondern im Medium sozialer Kommunikation – im Spannungsfeld von „Wir“ und „ich“. Das Seminar untersucht dieses Spannungsverhältnis aus kommunikations- und mediensoziologischer Perspektive. Im Zentrum steht die Frage, wie Identitäten unter Bedingungen mediatisierter Öffentlichkeiten kommunikativ hervorgebracht und sozial stabilisiert werden: Wie eröffnen Massenmedien, soziale Medien und digitale Plattformen Räume des Selbstausdrucks – und welche normativen Erwartungsstrukturen schreiben sie dabei fort? Welche Rolle spielen Sichtbarkeit, Anerkennung und algorithmische Logiken für die Ausbildung personaler Identitäten und kollektiver Vergemeinschaftungen? Das Seminar soll dabei den Bogen von Grundlagentexten, die diese Zusammenhänge theoretisch beleuchten bis zu sozial- und kommunikationswissenschaftlichen Fallanalysen schlagen (z.B. Influencer-Kulturen, Diversitätsdiskurse, identitätspolitische Phänomene, Konsum- und Lebensstilkommunikation). |