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Worum es in diesem Seminar geht:
Unsere Alltagsannahmen über zwischenmenschliche Kommunikation gehen üblicherweise davon aus, dass Verstehen der Standardfall der Kommunikation ist und dass Missverstehen in erster Linie durch Unaufmerksamkeit oder uneindeutige Formulierungen zustandekommt. Betrachtet man Kommunikation hingegen unter der Perspektive, dass Verstehen etwas Subjektives ist, das jeweils im Bewusstsein der Beteiligten entsteht, und dass ein wechselseitiger Zugriff auf die Bewusstseinsprozesse des Gegenübers prinzipiell unmöglich ist, wird diese Annahme brüchig: Missverstehen erscheint dann als der naheliegende Ausgangspunkt, während die Herstellung von geteiltem Verstehen zur zentralen Herausforderung und Leistung (accomplishment) kommunikativer Praxis wird.
Im Seminar analysieren wir – ausgehend von Alltagserfahrungen mit Verstehen und Missverstehen – die Grundbedingungen sozialer Verständigung und fragen danach, wie kommunikatives Verstehen unter medialen und zeitlichen Bedingungen überhaupt möglich wird. Dabei nehmen wir gesprochene, geschriebene und digital vermittelte Kommunikation in den Blick und untersuchen, unter welchen Voraussetzungen der Mit- bzw. Nachvollzug sowie die Antizipation des Verstehens unserer Gegenüber denkbar werden – in mündlichen Gesprächen, beim Handeln mit Texten, in Chats und Social-Media-Umgebungen bis hin zur Kommunikation mit KI.
Neben linguistischen Konzepten des sprachlichen Handelns und der sprachlichen Organisation intersubjektiven Verstehens beschäftigen wir uns mit ausgewählten theoretischen Positionen aus Philosophie, Soziologie, Medientheorie und Anthropologie, die aus unterschiedlichen Perspektiven die Bedingungen der Sinnkonstitution im sozialen Vollzug thematisieren.
Detailliert beleuchten wir anschließend die medialen und zeitlichen Prägungen von Kommunikation. Dabei diskutieren wir unter anderem die folgenden Aspekte und untersuchen ihre Bedeutung für sprachliches Handeln und für das Verstehen kommunikativer Äußerungen:
- die Rolle der Leiblichkeit als Mittlerin zwischen Bewusstsein und Lebenswelt (im phänomenologischen Sinn) sowie in der unmittelbaren kommunikativen Begegnung face-to-face,
- die zeitliche Strukturiertheit des sozialen Vollzugs und die Konstruktion von Situationsannahmen in Kommunikation,
- den Status von Medien als Erweiterungen menschlicher Handlungsmöglichkeiten, die im Gebrauch transparent werden, Kommunikationsprozesse aber grundlegend prägen,
- die Entstehung, gesellschaftliche Weiterentwicklung und kulturelle Stabilisierung von Medien sowie der Praktiken ihres Gebrauchs,
- die Frage, wo Medialität ihren Ursprung hat und welche Rolle kulturelle Prozesse für die Verstetigung kommunikativer Praktiken spielen.
An ausgewählten Sprachbeispielen werden wir die gemeinsam erarbeiteten Positionen an der „Kommunikationswirklichkeit“ messen und auf ihre Plausibilität hin überprüfen.
Was im Seminar von Ihnen gefordert wird:
Für die erfolgreiche Teilnahme am Seminar ist die Bereitschaft, sich mit theoretischen Texten aus unterschiedlichen Disziplinen auseinanderzusetzen, unerlässlich. Diese werden in Ausschnitten zur Verfügung gestellt und – unterstützt durch Leitfragen, die auf die zentralen Themen der jeweiligen Sitzungen hinführen – in Lektüreteams erarbeitet.
Die Ergebnisse der kooperativen Texterschließung bilden den Input für die Seminarsitzungen, in denen wir den Ertrag aus der Lektüre vor dem Hintergrund klar umrissener Problemstellungen zusammenführen, diskutieren und sichern. Ziel ist dabei nicht die Reproduktion theoretischer Positionen, sondern deren gemeinsame Durchdringung und kritische Diskussion anhand konkreter kommunikativer Phänomene.
Was Sie durch den Besuch des Seminars gewinnen können:
Die Teilnahme am Seminar eröffnet Ihnen eine differenzierte, theoretisch fundierte Sicht auf die Bedingungen und Herausforderungen sozialer Verständigung, auf die mediale Verfasstheit von Kommunikationsprozessen sowie auf die Zeitlichkeitsbedingungen sprachlichen Handelns. Dabei ergeben sich vielfältige Anknüpfungspunkte zu wichtigen Nachbardisziplinen wie Philosophie und Soziologie.
Sie werden Ihr Wissen zu den Organisationsprinzipien von Interaktion und Text sowie zu deren medialen, zeitlichen und kulturellen Bedingungen weiterentwickeln können – auch im Hinblick auf digitale Kommunikationsformen, die den kommunikativen Alltag zunehmend prägen. |