2016 heiratet Tracey Emin einen Stein. 2013 umarmt Lady Gaga nicht einen Baum, sondern einen torsogroßen Bergkristall. 2019 verklausuliert Natascha Sadr Haghighian für den deutschen Pavillon der Venedig-Biennale ihre Identität durch das Tragen einer Kopfmaske in Form eines grauen Steinbrockens. Und 2020 tritt Alicja Kwade mit einem Selbstporträt in Erscheinung, das nur aus 24 Glasphiolen besteht, deren mineralische Inhalte – Eisen, Zink, Kupfer, Calcit, Fluor, Mangan … – die chemische Zusammensetzung des menschlichen Körpers bilden. Kein Körper aus Fleisch, Blut und Geist, sondern aus Mineralen, Metallen und Gasen.
Warum zeigen so viele Künstler*innen im 21. Jahrhundert eine Art Verbundenheit zum Geologischen? Und was bedeuten diese künstlerischen Annäherungen in einer Welt, in der das Geologische vor allen Dingen als eine extrahierbare Ressource betrachtet wird? Wir sammeln Steine von Urlaubsorten, bauen Kathedralen aus Sandstein und tauchen tagtäglich wie selbstverständlich in virtuelle Räume ein – durch Flüssigkristalle in LCDs also liquid crystal displays. Obwohl reg-und leblose Ressource, entfalten sich komplexe Beziehungsgeflechte zwischen dem Menschen und dem Geologischen: ‚Minerals matter‘.
Doch die Selbstverständlichkeit, mit der das Geologische die Bausteine des 21. Jahrhunderts stiftet – real wie virtuell – kommt mit einem hohen Preis. In einer Welt, in der Extraktivismus als Verursacher ökologischer Zerstörung und ökonomischer Ungleichheit gilt und ‚Seltene Erden‘, ‚Kritische-‘ und ‚Konflikt-Mineralien‘ zur Verhandlungsmasse in Ukraine-Krieg und Arktis-Annexion geworden sind, stellt sich die Kunst mehr und mehr auch dem Ausmaß des Zugriffs auf die Bodenschätze dieses Milliarden Jahre alten Planeten.
Das Seminar widmet sich mit materialästhetischem Fokus über Werkanalysen, Lektüre ausgewählter Theorie sowie gemeinsame Diskussion und Exkursion der künstlerischen Auseinandersetzung mit geologischen Materialien in der Kunst von der Frühen Neuzeit (grundlegend) bis in die Gegenwart (Hauptfokus): Edelsteine, Erze, Kristalle, eiszeitliche Findlinge, anthropogene Mineralien, Kolonialware Salz... Hierbei sollen Kunstwerke von material-aneignenden, video- und fotografischen, konzeptuellen oder künstlerisch-forschenden Ausformulierungen in ihren verschiedenen historischen, gesellschaftlichen und philosophischen Kontexten betrachtet werden:
(1) Vor dem Prospekt frühneuzeitlicher Wunderkammern und kolonialer Edelstein- und Ressourcen-Routen;
(2) vor dem Hintergrund ökologischer und sozial-prekärer Vermächtnisse des Bergbaus und Extraktivismus;
(3) im nicht nur geologisch sondern öko-politisch geführten Diskurs um das sogenannte Anthropozän;
(4) in posthumanistischen und queerfeministischen Theorien eines „Erde-Werdens“ nach Donna Haraway und Rosi Braidotti. |