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Gruppe 1: Thomas Mann Doktor Faustus - PD Dr. Florian Trabert
In seinem 1943-1947 im kalifornischen Exil entstandenen Roman Doktor Faustus unternimmt Thomas Mann den Versuch, die intellektuellen Ursachen der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft zu analysieren. Indem er dabei auch die Wirkmächtigkeit von mythologischen Versatzstücken und, modern gesprochen, ›fake news‹ für die politische Ideologisierung vor Augen führt, ist der Roman ein Text von ungebrochener Aktualität und Brisanz. Aufgrund seiner mehrfachen Anlage als Faust-, Deutschland, Musik- und Nietzsche-Roman stellt der Doktor Faustus zweifellos einen der vielschichtigsten Texte des Autors dar. Diese Dimensionen sollen ebenso Gegenstand der Seminararbeit sein wie die äußeren Entstehungsumstände des Exils, die zugleich die enge und spannungsreiche Zusammenarbeit mit anderen Exilanten wie Theodor W. Adorno, Arnold Schönberg oder Bruno Walter ermöglichte. Gleichfalls soll das paratextuelle ›making of‹ des Romans Die Entstehung des Doktor Faustus in den Blick genommen werden, in dem Mann eine Selbstverortung innerhalb der literarischen Moderne unternimmt.
Literatur: Thomas Mann: Doktor Faustus. Die Entstehung des Doktor Faustus, Frankfurt a.M.: Fischer-Verlag.
Gruppe 2: Lyrik jüdischer Autor*innen (von Isaschar Falkensohn Behr bis Max Czollek) - Prof. Dr. Stefan Hermes
In diesem Seminar werden wir versuchen, anhand der Gattung der Lyrik einen kleinen Teil des höchst bedeutsamen Beitrags zu rekonstruieren, den jüdische Autor:innen zur Geschichte der deutschsprachigen Literatur geleistet haben. Analysieren und diskutieren wollen wir einerseits Gedichte (und auch poetologische Schriften) heute weniger prominenter Verfasser:innen wie Isachar Falkensohn Behr, der 1772 als erster Jude überhaupt einen deutschsprachigen Lyrikband publizierte. Andererseits wollen wir uns intensiv mit einigen stark kanonisierten Werken befassen, insbesondere mit der mehr als eindrucksvollen Gedichtproduktion Heinrich Heines. Ein Schwerpunkt wird auf der Frage liegen, mittels welcher Verfahren jüdische Lyriker:innen – darunter Nelly Sachs, Mascha Kaléko, Paul Celan und Erich Fried – die häufig als 'unsagbares' Verbrechen begriffene Shoah eben doch zum Gegenstand von Literatur gemacht haben. Gegen Ende des Semesters werden wir uns dann unter anderem den facettenreichen Gedichten des Gegenwartsautors Max Czollek zuwenden.
LITERATUR: Das Gros der zu lesenden Gedichte und Aufsätze werde ich Ihnen digital zur Verfügung stellen können. Bitte beschaffen Sie sich aber im Vorfeld Max Czolleks Streitschrift Desintegriert euch! (München 2018; 18 Euro, ggf. auch antiquarisch zu erwerben) - und lesen Sie sie.
Gruppe 3: Seufzen - Stammeln - Schweigen. Mystische Sprache (Prof. Dr. Franz Fromholzer)
Mystische Literatur, die eine Vereinigung mit dem Göttlichen bereits im Diesseits (unio mystica) und nicht erst nach dem Tod sprachlich zu fassen und nachzuerleben versucht, nimmt in der Frühen Neuzeit eine wichtige, wenn nicht gar zentrale Stellung in der Literaturproduktion ein. Wie ist das Göttliche nicht allein intellektuell vorstellbar, sondern auch ganz sinnlich erfahrbar - und letztlich sprachlich vermittelbar? Mystische Lyrik im Barockzeitalter von Angelus Silesius, Friedrich von Spee, Daniel Czepko, Catharina Regina von Greiffenberg und Quirinus Kuhlmann soll in einem thematischen Schwerpunkt einem Close Reading unterzogen werden. Hierzu bietet das Seminar auch einen Überblick über Gattungen und Dichtungstheorien der Lyrik des 17. Jahrhunderts. Vertiefend werden vor diesem Hintergrund zentrale Aspekte kanonischer mystischer Autorinnen und Autoren (Teresa von Ávila, Jakob Böhme, Madame de la Motte Guyon) erarbeitet. Abschließend soll exemplarisch ein kritischer Ausblick auf die Wende hin zu einer gesellschaftlich engagierten Mystik des 20. Jahrhunderts (Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand) und Dichtung des 21. Jahrhunderts geworfen werden (Christian Lehnert, Cherubinischer Staub). Gefragt werden kann dabei nach den Möglichkeiten mystischen Sprechens im 21. Jahrhundert, wobei mystische Erfahrungen hier vorrangig in einem säkularen Kontext begriffen werden.
Literatur: Die mystische Dichtung des 17. Jahrhunderts bis hin zur Gegenwart wird digital zur Verfügung gestellt. Zur vorbereitenden Lektüre empfohlen: Teresa von Avila: Die innere Burg. Hg. u. übersetzt v. Fritz Vogelgsang. Zürich 2022 (diogenes deluxe). |