Gruppe 1: Sprache, Geschlecht, Literatur: Trans* und nonbinäre Perspektiven in der Gegenwartsliteratur (Prof. Dr. Lily Tonger-Erk)
Kaum ein sprachliches Thema polarisiert derzeit so stark wie die geschlechtersensible Sprache. Während die einen etwa durch Gendersternchen und Neopronomen alle Geschlechter sprachlich sichtbar machen wollen, kritisieren andere diese Praxis als bevormundend, spaltend oder ästhetisch fragwürdig – darunter auch prominente Stimmen wie der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Besonders stark entzündet sich die Debatte an der Sichtbarmachung von Geschlechtern jenseits der Kategorien „Mann“ und „Frau“. Die Existenz von trans* oder nonbinären Identitäten stellt dabei nicht nur sprachliche, sondern auch gesellschaftliche Ordnungen in Frage – und wird oft zum Auslöser heftiger Kontroversen.
Das Seminar nähert sich diesem komplexen Diskurs aus literatur- und medienkulturwissenschaftlicher Perspektive. Zunächst klären wir, was unter „Gendersprache“ verstanden wird und welche Deutungen, Ängste und politischen Positionen sich in der öffentlichen Debatte daran knüpfen. Anschließend analysieren wir am Beispiel von Kim de l’Horizons Blutbuch (2022), mit welchen ästhetischen Mitteln trans* und nichtbinäre Identitäten in der Gegenwartsliteratur dargestellt werden – etwa durch Genderzeichen, Neopronomen, experimentelle Erzählperspektiven oder grammatikalische Modifikationen. Im dritten Schritt richten wir den Blick auf die Literaturvermittlung: Wie greifen Literaturkritik, Feuilleton und Medienberichte über Preisverleihungen nicht-binäre Selbst- und Figurenbezeichnungen auf? Welche Formen der Anerkennung, aber auch des Widerstands lassen sich hier beobachten?
Eingebunden in das Seminar wird die Fachtagung für Forschende, Lehrende und Studierende „Himmel voller Sterne. Sprachliche Markierungen von Geschlecht und Diversität in Forschung und schulischer Praxis“ (21.-22.1.2027) in Essen.
Gruppe 2: Das Martyrium. Religiöse und politische Lesarten (Prof. Dr. Franz Fromholzer)
Kaveh Akbars preisgekrönter Roman "Märtyrer!" (2024) hat auf vielschichtige und komplexe Weise das Thema das Martyriums für die Gegenwartsliteratur neu zur Diskussion gestellt und die Radikalität eines Lebensentwurfs befragt, der die eigene Überzeugung mit einer Todesbereitschaft unmittelbar in Verbindung bringt. Das Seminar möchte die historischen Tiefenschichten literarischer Märtyrerdarstellungen offenlegen und dabei einen besonderen Schwerpunkt auf dramatische Bearbeitungen legen: Zeigen die Trauerspiele eines Andreas Gryphius ("Catharina von Georgien", "Papinian") vor allem passiv leidende und sterbende Vorbildfiguren, so wendet sich Daniel Casper Lohenstein bereits dem aktiven politischen Widerstand zu, wenn er in "Epicharis" die märtyrerhafte Protagonistin zugleich als potentielle Tyrannenmörderin zeichnet. Diese historische Linie soll in ihren Variationsmöglichkeiten auf der Bühne an Beispielen von Dramen Goethes ("Egmont") und Schillers ("Maria Stuart") weiterverfolgt werden.
Neben diesem historischen Schwerpunkt kann im Seminar der geschlechtsspezifische Aspekt des Martyriums an drei Beispielen von Jeanne d'Arc-Bearbeitungen diskutiert werden: Friedrich Schillers "Die Jungfrau von Orleans", Bertolt Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" und Felicitas Hoppes Roman "Johanna" verdeutlichen ästhetische, politische, aber auch postmoderne Verfahren der literarischen Darstellung weiblichen Martyriums. Abschließend werden in einem dritten Schwerpunkt an Auszügen aus Navid Kermanis monumentalem Werk "Dein Name" (2011) Aktualisierungsversuche des Märtyrerbegriffs in der Gegenwartsliteratur kritisch erörtert.
Gruppe 3: Wahnsysteme und Verschwörungstheorien (PD Dr. Florian Trabert)
Die Geschichte des europäischen Romans beginnt mit einem Text über ein Wahnsystem: Cervantes‘ Don Quijote ist nach der Lektüre von zu vielen Ritterroman nicht mehr in der Lage, zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden und beginnt seinen buchstäblichen Kampf gegen Windmühlen. Mit diesem Text hat Cervantes ein Modell geschaffen, das insbesondere romantische Texte wie Tiecks Der blonde Eckbert und E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann aufgreifen, um die romantische Poetik einer kritischen Reflexion zu unterziehen. Postmoderne Texte des 20. und 21. Jahrhunderts wie Thomas Pynchons The crying of lot 49 (Die Versteigerung von No. 49) und Clemens J. Setz Indigo verbinden die Darstellung von Wahnsystemen und Verschwörungstheorien mit der Frage nach der Deutbarkeit von Text und Wirklichkeit. Gegenstand der Seminararbeit sollen gleichermaßen individuelle Wahnsysteme wie kollektive Verschwörungstheorien sein, die insbesondere ab dem 20. Jahrhundert an Bedeutung gewinnen und dabei dem Antisemitismus und Rechtsextremismus Vorschub leisten (Die Protokolle der Weisen von Zion, Dolchstoßlegende), wobei sich eine deutlich erkennbare Kontinuität zu neurechten Diskursen der Gegenwart in den USA und Europa ergibt (QAnon, Great Replacement theory conspiracy etc.).
|