Gruppe 1 Literaturkritik und Gegenwartsliteratur (Prof. Dr. Alexandra Pontzen)
Die Gegenwartsliteratur stellt ihre Leser*innen und die Literaturwissenschaft vor spezifische Herausforderungen: Ohne Orientierung durch literarhistorische Kanonisierungsprozesse gilt es sich selbst – und weitgehend eigenständig – ein Urteil über neuerscheinende Bücher zu bilden, allenfalls flankiert von der professionellen Literaturkritik in Feuilleton, Fernsehen und Internet.
Das Seminar gibt einen Überblick über die Entwicklung der Literaturkritik im deutschsprachigen Raum, hilft, sinnvolle Kriterien literarischer Wertung zu erarbeiten und diese an aktuellen Neuerscheinungen zu erproben.
Von den Studierenden wird Bereitschaft zur umfangreichen Lektüre, regelmäßige Rezeption eines überregionalen Feuilletons, Freude an engagierter Diskussion und Mut zum fundierten Urteil erwartet. Eingeübt werden neben Formen mündlicher Literaturkritik (in diesem Semester aufgrund der Distanzlehre eher weniger) schriftliche Besprechungen und Rezensionen für verschiedene Zielgruppen. Sie bekommen Feedback zu Ihren Rezensionen, lernen Ihre Texte zu verbessern, die anderer zu lektorieren (und zu redigieren) und arbeiten sich über mehrere Fassungen an Ihre 'finale' Rezension heran.
Das Seminar ist Teil des Lehrprojekts „literaturkritik.de“ an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und kooperiert mit der Essener Redaktion „Gegenwartskulturen“. Außerdem wird die Publikumsveranstaltung "Das Feierabendbuch" von den Seminarteilnehmerinnen mit gestaltet.
LITERATUR: Die zu besprechenden Titel werden kurzfristig festgelegt. Da es sich um Neuerscheinungen handelt, sind die Bücher nicht als Taschenbücher zu haben.
Forschungsliteratur (wird als Reader zur Verfügung gestellt)
Gruppe 2: Literarische Diplomatie? Deutsche Literatur und Osmanisches Reich (1453 -1923) (PD Dr. Charlotte Kurbjuhn)
Im Seminar nehmen wir Stationen der deutsch-türkischen Beziehungen im Spiegel der Literatur lange vor der 'postmigrantischen' Gegenwartsliteratur in den Blick: von Flugblättern und Predigten aus den Jahrzehnten nach der Eroberung Konstantinopels über Zeitschriftenberichte über die sogenannten "Türkenkriege" und Romane aus dem Umfeld der zweiten Belagerung Wiens 1683 bis zu Dramen über Figuren der osmanischen Geschichte (u.a. Sultan Süleyman, Roxane und Ibrahim Pascha) und nicht zuletzt Karl Mays Romanen aus dem "Orient"-Zyklus. Der griechische Befreiungskampf der 1820er Jahre fand ebenso sein literarisches Echo in der zeitgenössischen deutschen Lyrik wie der mittelmeerische Sklavenhandel und Napoleons Ägypten-Feldzug in Wilhelm Hauffs Märchensammlungen - denn auch das Land am Nil gehörte damals zum Osmanischen Reich.
Im Kurs lesen wir mit Blick auf die generischen und (inter-)medialen Besonderheiten ausgewählte Texte und Textauszüge und erproben daran, inwiefern Konzepte der postcolonial studies auch für diese spezifischen Dokumente eines Kulturkontakts geeignet sind oder ggf. modifiziert werden müssten.
Die meisten Texte werden bei Moodle zur Verfügung gestellt; weitere Hinweise folgen bei der Programmvorstellung in der ersten Sitzung.
Zur Einstimmung empfohlen: Wilhelm Hauff: Die Karawane
Gruppe 3: PD Dr. Stefan Hermes: Interkulturelle Dramen um 1800
Nach wie vor setzt sich die interkulturelle und postkoloniale germanistische Literaturwissenschaft vornehmlich mit Texten der Moderne und der Postmoderne auseinander. Allerdings hat sich längst gezeigt, dass ihr methodisches Instrumentarium durchaus auch dazu geeignet ist, neue Erkenntnisse zu Werken vorausliegender Epochen zu generieren. Demgemäß wollen wir uns im Seminar um theoretisch fundierte (Re-)Lektüren deutschsprachiger Dramen bemühen, die im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert entstanden sind: Diese stammen einerseits von kanonisierten Autoren wie Lessing (Nathan der Weise), Goethe (Iphigenie auf Tauris) und Kleist (Die Hermannsschlacht), andererseits von heute kaum mehr gelesenen, einst aber ungemein erfolgreichen Dramatikern wie August von Kotzebue (Die Negersklaven) und August Klingemann (Columbus). Analysieren und diskutieren werden wir insbesondere die je spezifischen literarischen Strategien, mittels derer die Texte interkulturelle Kontaktsituationen – seien sie friedlicher oder gewalttätiger Art – inszenieren. Darüber hinaus gilt es, die Stücke in den ästhetischen, anthropologischen und politischen Alteritätsdiskursen ihrer Zeit zu situieren.
LITERATUR: Bitte beschaffen Sie sich vorab die Reclam-XL-Ausgaben von Lessings Nathan und Goethes Iphigenie (und keine anderen Ausgaben). |